Tage Alter Musik Regensburg 2025 43 Stampfen, seufzen, heulen Die Geigerinnen Christina Day Martinson und Susanna Ogata säuseln nicht, arbeiten die Satzcharakteristiken sehr deutlich heraus, spielen mal ruppig, dann wieder weich, kurz oder gedehnt, getragen oder perkussiv, immer farbig und raffiniert. Ihre Stütze waren Cullen O’Neil am Cello und Andrus Madsen am Cembalo, die ebenso abwechslungsreich und farbig ihren Continuo-Part spielten, die Partie zusammenhielten und auch viele eigene Akzente setzten. Das Ensemble Zefiro unter seinem Leiter, dem Oboisten Alfredo Bernardini, war in unterschiedlichen Besetzungen schon oft bei den Tagen Alter Musik zu Gast. Im Neuhaussaal widmete man sich nun einem wahrhaft verrückten Thema, der Folia. „Folia ist ein gewisser portugiesischer Tanz, sehr laut, denn an ihm nehmen viele Leute zu Fuß, mit Rasseln und anderen Instrumenten versehen, teil, und das Getöse ist so groß und der Klang so hastig, dass die Tänzer den Eindruck erwecken, nicht bei Verstand zu sein; und so wurde der Tanz folia genannt, was vom toskanischen Wort follie kommt, das töricht, wahnsinnig, sinnlos, hohlköpfig bedeutet.“ Soweit eine Definition aus dem Jahr 1691. In der Musik des Spätbarock findet sich ein Repertoire, das sich auf abweichende Zustände von Seele und Geist bezieht, auf Hypochondrie, Ruhelosigkeit, ADHS, Alpträume und andere Störungen der menschlichen Seele. Von Fux bis Mozart ging es im Neuhaussaal durch solche Abseitigkeiten, nicht nur auf hohem Niveau musizierend, sondern auch spielend, gehend, stampfend, seufzend, suchend, heulend. Die Qualität der Ausführung kam dabei keineswegs ins Hintertreffen, wenn es auch nicht so feinsinnig wie beim Konzert mit Biber zuging – etwas derber, aber nicht weniger virtuos. „Musikalischer Blödsinn“ Das Violinkonzert von Vivaldi trägt den Titel „L’Inquietudine“, die Ruhelosigkeit, die in den atemberaubenden Violinsoli der Ecksätze manifest wird, unterbrochen von einem beruhigten Mittelsatz. Um Nachtstimmungen ging es bei Johann Joseph Fux und seinemConcerto „Die Süßigkeit und die Bitternis der Nacht“, umNachtwächterruf, Träume und Phantasien. Am schönsten: das Schnarchen, unnachahmlich hörbar gemacht vom Kontrabassisten. Telemanns Oboenkonzert beginnt mit einer verrückten Dissonanz, Jan Dismas Zelenkas „Hypochondria“ wechselt ständig zwischen Dur und Moll, zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt, Freude und Lamento. Geminianis Concerto nimmt Corellis weltberühmte „La Follia“-Variationen zur Vorlage zum Austicken. Den schweren Rhythmus kurz-lang beschwerte man zusätzlich durch ein kollektiv tanzendes und mäandrierendes Orchester. Den wunderbaren Schlusspunkt setzte Mozarts „Galimathias Musicum“ KV 32, ein „musikalischer Blödsinn“ des zehnjährigen Komponisten, eine unzusammenhängende Folge von Sätzen, die das Orchester sogar in die Knie zwang. Das Ensemble Zefiro war in unterschiedlichen Besetzungen schon öfter bei den Tagen Alter Musik zu Gast, 2025 widmete es sich im Neuhaussaal dem Thema Folia Ansichtssache Regensburg-Kolumne von Christian Eckl 07. Juni 2025 Es gibt Menschen, die stellen was auf die Beine. Andere regen sich über alles auf und machen nichts. Zu jenen, die was auf die Beine stellen, gehören die Macher der Tage Alter Musik in Regensburg. Stephan Schmid sowie Ludwig und Christof Hartmann gehören zu der Sorte Mensch, die eine Leidenschaft haben – und andere daran teilhaben lassen wollen. Davor habe ich höchsten Respekt. Heuer wird das Festival 40 Jahre alt. Und wie kann man es anders schreiben? Das Festival ist ein riesiger Gewinn für Regensburg. Die Gäste, die zu Tausenden jedes Jahr in die Domstadt kommen, buchen die guten Hotels. Sie gehen gerne essen – und zwar nicht an der nächsten Dönerbude (wobei das nicht despektierlich gemeint ist, das kann man schon mal machen zwischendurch). Kurzum: Sie bringen Geld in die Stadt, gehen dann in die Kirchen, in denen die Konzerte stattfinden, und hören Künstlern aus aller Welt zu, die historische Instrumente spielen und Stücke längst vergessener Komponisten aufführen. Man sollte den Machern einen Orden verleihen. Stolz war Bischof Rudolf, als er am Donnerstagabend im proppevollen Dom seine Domspatzen ankündigen konnte. Die feiern heuer 1050. Jubiläum. Welche Stadt hat sowas? Mir fällt nur der Leipziger Thomanerchor ein und der ist deutlich jünger. Christian Heiß führte seine Domspatzen gekonnt durch ein atemberaubendes Programm mit Renaissancemusik. Leider bin ich auch heuer wieder viel zu spät dran und werde deshalb nur ein oder zwei Konzerte genießen können. Die Karten gehen nämlich immer weg wie warme Semmeln. Aber so ist das nun mal mit einem Riesenerfolg.
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