Tage Alter Musik – Programmheft 2019
55 T age a LTeR M USIK R egenSBURg Konzert 9 In gerbers neuem Tonkünstler-Lexikon von 1812 lesen wir über goldberg: „Da er bey großen Talenten unersättlich in der Musik war so daß er Tag und Nacht spielte und sich sonst um nichts bekümmerte: so konnte es nicht fehlen, er mußte eine so ausnehmende Fertigkeit erhalten, daß er, wie man sagt, nicht nur die schwersten Sachen vom Blatte, sondern auch vom umgekehrten Blatte, leicht und frey, spielen konnte. Uebrigens war er melancholisch und höchst eigensin- nig.... Das, was er fürs Klavier geschrieben hat, so schwer man es immer finden mag, soll er doch immer nur als elende Kleinigkeit für Damen haben gelten lassen wollen.“ Tatsächlich muss goldberg ein Cembalist von aufsehenerregender Virtuosität gewesen sein. Schon in seinem ersten Lexikon-Band von 1790 hatte gerber geschrieben : „Das Lob ist ohne Grenzen, das ihm diejenigen beyle- gen, die ihn gehört haben. Aber nur wenige können sich dieser Freude rühmen, da er noch fast in Jünglingsjahren schon starb.“ Seine Kompositionen sind unterschiedlich in Stil und Qualität; seine beiden erhalten gebliebenen Kirchenkantaten offenbaren in ihren kontrapunkti- schen Kunstgriffen sowie in geist und Haltung eine gewisse abhängigkeit von Bachs Spätstil; seine 24 Polonaisen durch alle Tonarten sind galante, demModestil huldigende Klavierstücke. Die beiden Cembalokonzerte in es-Dur und d-Moll, von gerber mit Recht als „ große sehr schwere Flügel- konzerte“ bezeichnet, lehnen sich formal an die Klavierkonzerte Carl Phil- ipp emanuel Bachs an, zeigen aber auch in ihrer Leidenschaftlichkeit, dem oft jähen Wechsel zwischen Pathos und Humor, dem gegensatz zwischen Heftigkeit des affekts und beschaulicher Ruhe eine gewisse Verwandt- schaft mit dem Klavierwerk Wilhelm Friedemann Bachs. goldbergs Cem- balo-Konzert in d-Moll, das im heutigen Konzert erklingt, ist unbestritten ein außerordentliches Werk. Sein monumentaler aufbau reiht es unter die längsten Konzerte seiner Zeit ein. aber seine musikalische Substanz ist keineswegs verdünnt. es ist im empfindsamen Stil geschrieben und hört nicht auf, den Zuhörer zu berühren. Die eck-Sätze sind voller energie und Virtuosität, während der Mittelsatz mit bewegenden Melodien gefallen findet. auffallend sind der vollstimmige, wohlausgearbeitete orchestersatz und die großzügigkeit der formalen Dimensionen der beiden Konzerte. In dieser Hinsicht ist ihnen aus der Produktion jener generation kaum etwas an die Seite zu stellen. Die Bach’sche orchesterouvertüre wird heute meistens mit Trompeten, Pauken, oboen und Fagott aufge- führt, aber ursprünglich wurde sie höchstwahrscheinlich für ein Strei- cherensemble geschrieben. Die Par- tien für Bläser wurden vielleicht von einem der Schüler bzw. Söhne Bachs hinzugefügt. anders als in den drei übrigen Suiten (im BWV 1068) haben die Blasinstrumente hier keine eigenständigen Teile und verdoppeln lediglich die Strei- cherstimmen. © Marcin Świątkiewicz Übersetzung: Hannsjörg Bergmann b ACH – t eLeMAnn – G oLDberG – M USIKALISCHe UnD M enSCHLICHe b ezIeHUnGen G eorG P HILIPP t eLeMAnn Concerto polonois TWV 43:g7 (1681-1767) Dolce – Allegro – Largo – Allegro J oHAnn G ottLIeb G oLDberG Cembalokonzert d-Moll Dürg 16 (1727-1756) Allegro – Largo – Allegro di molto J oHAnn S ebAStIAn b ACH orchestersuite nr. 3 D-Dur BWV (1685-1750) 1068 Ouverture – Air – Gavotte I – Gavotte II – Bourrée – Gigue Wir danken der Meisterwerkstätte für historische Tasteninstrumente, Detmar Hungerberg, 42499 Hückeswagen, für die freundliche Bereitstellung des Cembalos P roGrAMM A rte DeI S UonAtorI Aureliusz Goliński, Michał Marcinkowski, Joanna Kreft Violine I ewa Golińska, Adam Pastuszka, Katarzyna olszewska Violine II Mikkel Schreiber Viola tomasz Pokrzywiński Violoncello Szilard Chereji Kontrabass Marcin Świątkiewicz Cembalo & Leitung A USFüHrenDe CD: Marcin Świątkiewicz: J. S. Bach - Cembalokonzerte Arte dei Suonatori Arte dei Suonatori, Minoritenkirche 2003 Foto: Hanno Meier
RkJQdWJsaXNoZXIy OTM2NTI=