Tage Alter Musik – Programmheft 2019
53 T age a LTeR M USIK R egenSBURg Konzert 9 Channel Classics eine aufnahme der Cembalo-Konzerte von J. S. Bach. Seine aufnahme der Rosenkranzsonaten von Biber mit Rachel Podger, David Miller und Jonathan Manson gewann den gramophone award. Marcin Świątkiewicz wurde 2015 mit dem Passport award der Wochen- zeitschrift „Polytika“ ausgezeichnet. er unterrichtet Cembalo, generalbass und Improvisation an der Musikakademie Kattowitz. zum Programm: bach – telemann – Goldberg – Musikalische und menschliche beziehungen Die große politische Bedeutung und der Reichtum der deutschen Städte und Staaten des 17. und 18. Jahrhunderts trugen sicherlich zur Fülle ihres kulturellen erbes bei. aber es muss noch etwas anderes als nur Wohlstand mitgewirkt haben, etwas, das schwer zu fassen oder genauer zu erklären ist. es dreht sich einem ja alles im Kopf, wenn man nur die bedeutendsten und bekanntesten Komponisten nennen soll, die dort um die Jahrhundert- wende lebten. georg Philipp Telemann (1681–1767) war Zeit seines Lebens wohl der in weiten Kreisen bekannteste deutsche Komponist. Johann Sebastian Bach (1685–1750), der für seine Improvisationskunst berühmt war, blieb in spe- ziellen Kreisen vonMusikkennern in lebendiger erinnerung. Johann gottlieb goldberg (1727–1756), welcher der nächsten generation angehörte, war ein aufgehender, für seine Virtuosität berühmter Stern. Unglücklicherweise starb er bereits sehr früh, nämlich mit 29 Jahren. Die individuellen Wege dieser drei kreuzten sich in vieler Hinsicht, sowohl im wirklichen Leben wie in der Musik. So verbrachten alle drei einige Zeit in Leipzig. Für uns ist bedeutsam, dass sie alle Beziehungen zu Polen (oder dem, was wir heutzu- tage Polen nennen) hatten: Telemann, der als Kapellmeister amHof des gra- fen erdmann II. von Promnitz wirkte, reiste nach Sorau (heute Zary) und nach Pless (Pszczyna), wo er mit lokaler Volksmusik in Kontakt kam. Bach wurde 1736 durch den Kurfürsten von Sachsen und König von Polen zum Hofkomponisten ernannt. Der geburtsort goldbergs war Danzig (gdansk). Während die beidenaltmeister eine lebenslange Beziehung zueinander auf- rechterhielten (Telemann war sogar der Taufpate von Carl Philipp emanuel Bach), betrieb goldberg höchstwahrscheinlich Studien bei Johann Sebastian Bach, und mit Sicherheit lernte goldberg bei dessen ältestem Sohn, Wilhelm Friedemann Bach. Bach galt als ausgesprochen konservativ. Telemann, der im alten Stil ausgebildet worden war, machte sich auch mit dem neumodi- schen galanten Stil vertraut. goldberg war ein Kind der neuen Zeit, obgleich einige seiner Kompositionen (wie die Triosonate in C-Dur) auf den einfluss seines Leipziger Lehrers zurückgeführt werden. Telemanns „Concerto Polonois“ ist eine interessante Studie traditioneller Musik. Sehr oft können wir die Muster erkennen, die noch immer von pol- nischen Volksmusikern verwendet werden, aber in anderen Fällen ist es nicht immer klar, worin die ursprüngliche Inspiration für Telemann bestand. Wenn er Schlesien und Krakau besuchte, muss er nicht nur von einheimischen polnischen Musikern, sondern auch von Zigeunern und anderen Volksmusikrepräsentanten gehört haben. Der name goldberg lebt bis heute fort, insbesondere durch Johann Sebas- tian Bachs „aria mit verschiedenen Veränderungen“ BWV 988, die spä- testens 1742 als vierter Teil seiner „Clavier-Übung“ im Druck erschienen sind. Johann nikolaus Forkel berichtet in seiner 1802 erschienenen Bach- Biographie folgendes über die entstehung dieses Werks: Der russische gesandte amDresdner Hof, Hermann Karl graf von Keyserlingk, der übri- gens mit Bach gut bekannt war und ihn außerordentlich hochschätzte, habe die gewohnheit gehabt, sich über nächtliche Stunden der Schlaflo- sigkeit dadurch hinwegzuhelfen, dass er einen jungen Musiker namens goldberg, der bei ihm im Hause wohnte, im nebenzimmer auf dem Kla- vier musizieren ließ. So sei er auf den gedanken gekommen, bei seinem Freunde Bach ein Stück „sanften und munteren Charakters“ für diese nachtmusiken zu bestellen und habe daraufhin jenen Zyklus, eben die „goldberg-Variationen“, erhalten und fürstlich honoriert. Wie weit diese anekdote der Wahrheit entsprechen kann, ist schon ausführlich diskutiert worden. Immerhin dürfte man erwarten, den namen eines so großzügigen auftraggebers auf dem Titelblatt des Drucks zu finden. außerdem wäre goldberg zummutmaßlichen Zeitpunkt der Bestellung höchstens 15 Jahre alt gewesen. Johann gottlieb goldberg (1727–1756) war der Sohn eines in Danzig ansäs- sigen Lauten- und geigenbauers. Keyserlingk soll auf einer seiner Reisen zwischen Russland und Sachsen auf die Begabung des Knaben aufmerksam geworden sein und ihn zu Bach in die Lehre gegeben haben. auch Bachs Sohn Wilhelm Friedemann hat an goldbergs musikalischer ausbildung mitgewirkt. Von 1751 bis zu seinem frühen Tod war goldberg Kammer- musiker beim sächsischen Premierminister Heinrich von Brühl, der eine damals 15 Mitglieder zählende sehr leistungsfähige Kapelle unterhielt. Johann Sebastian Bach, Porträt von Joachim Ernst Rentsch d. Ä. Johann Gottlieb Goldberg: Cembalostimme des d-Moll Cembalokonzerts, Beginn des Soloparts im ersten Satz (Manuskript)
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