Tage Alter Musik – Programmheft 2019
51 T age a LTeR M USIK R egenSBURg Konzert 8 bekannter ist sein onkel André Danican Philidor („der Ältere“), welcher seit frühster Jugend am Hof als Instrumentalist, später Komponist und dann als Bibliothekar geführt wurde. er schrieb einen ganzen Band von Märschen für Bläser und Pauker „im französischen wie im ausländischen Stil, auch für Trompeter und Pauker zu Pferde, für Turniere und zur Jagd“. ob er allerdings tatsächlich der Komponist oder doch eher derjenige war, der die Stimmen aus den Vorlagen des Hofkomponisten Lully ausschrieb, ist nicht ganz gesichert. auch in Deutschland hatte sich die oboe durchgesetzt – der deutsche Komponist Christoph Foerster (1693–1745), ausgebildet bei Johann David Heinichen in Weißenburg und georg Friedrich Kauffmann im sächsischen Merseburg zwischen Halle und Leipzig, war ab 1717 Kammermusiker an der Sachsen-Merseburger Hofkapelle und avancierte kurz darauf zum Konzertmeister. er reiste nach Dresden und Prag, um sich mit anderen Musikern auszutauschen, und wechselte 1745 als Vizekapellmeister an den Hof im thüringischen Rudolfstadt. aus seiner Feder stammen zahl- reiche Solo- und gruppenkonzerte für Bläser, insbesondere für oboen. Mit Jaques Paisible (1656–1721) kam die konzertierende oboe vom Pari- ser Hof nach London – er stammte aus dem Umfeld der französischen Hofkapelle und reiste um 1673 nach england. ab 1677 war er Hofmusiker unter Karl II. und später Jacob II., nach dessenabdankung und exil durfte er als Hofkomponist von Jacobs zweiter Tochter, Prinzessin anne, in eng- land bleiben und behielt diesen Posten auch nach ihrer Restitution und Krönung im Jahr 1702. aus Frankreich hat er wohl die Musik für die oboistenbande mitgebracht und entsprechende ensembles gegründet – er gilt jedenfalls als der erste „englische“ Komponist dieser gattung und er- scheint in der Litera- tur oft fälschlich als James Paisible. Die Verbreitung der Werke des französi- schen Hofkomponis- ten Jean-Baptiste Lully muss europa- weit recht groß gewe- sen sein, denn in Johann Kaspar Ferdinand Fischer (1656–1746) sieht man einen möglichen Schüler, der aber wohl niemals in Frankreich gewe- sen ist. Fischer wuchs im westböhmischen ostrov (früher: Schlacken- werth) am Sachsen-Lauenburgischen Hof auf, erhielt hier ersten Unter- richt vom örtlichen Hofkapellmeister und folgte diesem ende der 1680er Jahre im amt nach. Die Werke Lullys mag Fischer auf Dienstreisen nach Prag und Schloss Raudnitz an der elbe kennengelernt haben, wo diese Musik gepflegt wurde; auch zum Schütz-Schüler Christoph Bernhard in Dresden soll Fischer Kontakt gehabt haben. 1695 veröffentlichte Fischer in augsburg eine Ballettsuite unter dem Titel Le journal du printemps , die allerdings für 5 Streicher und 2 Trompeten ad libitum komponiert ist – diese für die oboistenbande zu übertragen und den satztechnischen ein- fluss Lullys damit zu verdeutlichen, ist ein besonderes Verdienst des heu- tigen Programms. Zum Schluss erklingt ein eher kurioses Musikstück der oboistenbande – der Kalottistenmarsch . Das Régiment de la Calotte war eine Bruderschaft, die sich zwar selbst als närrisch bezeichnete und hochgestellten Persön- lichkeiten auszeichnungen für närrisches Verhalten andiente, sie damit aber eher anprangerte und letztlich eine art Sittenpolizei darstellte. Sie wurde von Kirchenvertretern geführt und war unter der Regentschaft von Ludwig XIV. und XV. sehr aktiv. Hier zum Mitglied vorgeschlagen zu werden, war alles andere als ehrenhaft, doch muss die Bruderschaft auch öffentlich aufgetreten sein, da der oboist und Komponist Pierre Danican Philidor (1681–1731) einen ihnen eigens dedizierten Marsch hinterließ. ob nun solistisch, kammermusikalisch oder in der „oboistenbande“ – die oboe hat mit den ab 1650 entstandenenWerken als neu entwickeltes Instru- ment vom französischen Hof aus ihren einzug in ganz europa gehalten. Jean-Baptiste Lully mag der musikalische Inspirationsgeber gewesen sein, doch die Instrumentalisten u. a. der Philidor-Familie sowie der Instrumen- tenbauer Jean de Hotteterre († 1691) hatten ebenfalls einen gewichtigen einfluss. Die „oboistenbande“ wurde zumVorläufer der Revolutions(blas-)orchester des späten 18. Jahrhunderts, aus welchen Mitte des 19. Jahrhunderts die zivilen Blasorchester hervorgingen. © Frank Ebel, UR „V on H oF z U H oF “ – M USIK Für o boe b AnD MIt SeCHS o boen , zWeI t AILLen , DreI F AGotten UnD S CHLAGWerK J eAn -b APtISte L ULLy Marche de Savoye (1632-1687) A nDré D AnICAn P HILIDor ( „ L ’ AIné “ ) L’ assemblée (1 & 2) (1652-1730) Marche pour le roi de la chine Les Folies d'espagne (von Abt Philidor dem Älteren im Jahr 1702 in Saint-Germain en Laye auf Anordnung des Königs an Monsieur de Lully überreicht und von diesem als Trio gesetzt) J oHAnn C HrIStoPH F oerSter Konzert C-Dur für zwei (1693-1745) Solo-oboen und oboe Band (Allegro) – Siciliana – Presto Paolo grazzi & andrea Mion Solo-Oboen J AqUeS (J AMeS ) P AISIbLe Suite d-Moll aus Queen’s anne (ca. 1650-1721) book Branle – Amener – Gavotte – Courante – Bourrée Menuet – Prélude – Air – Rondeau – Gigue J oHAnn K ASPAr F erDInAnD F ISCHer Suite nr.1 C-Dur aus „Le Journal (1656-1746) de Printemps“ Ouverture – Marche – Air des Combattans – Rigaudon – Menuet – Chaconne P Ierre D AnICAn P HILIDor Marche du Regiment de la (1681-1731) Calotte g-Dur P roGrAMM z eFIro o boe b AnD Paolo Grazzi, Michele Antonello, Guido Campana, Michele Favaro, Aviad Gershoni, rei Ishizaka, Andrea Mion, emiliano rodolfi Oboe & Taille Alberto Grazzi, Marco barbaro, Michele Fattori Fagott Alberto Macchini Schlagwerk A USFüHrenDe Zwei Oboenspieler
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