Berührend schöne Klangflächen Die Intonation des Knabenchores war vorbildlich sauber, und trotz des starken Halls konnte man zumindest erahnen, dass der Chor sowohl in den A-cappella-Werken von Da Palestrina als auch in den instrumental begleiteten Kompositionen bis in die imitatorischen Passagen hinein transparent und wohl strukturiert agierte. Ähnliches gilt auch für das zehnköpfige Schweizer Instrumentalensemble „La Cetra Basel“, welches auf historischen Instrumenten wie Zink und Violone sowie mit Orgel und Alt-, Tenor-und Bassposaune zusammen mit den Domspatzen, aber vor allem auch in den Instrumentalwerken beeindruckende und gleichermaßen berührend schöne Klangflächen erzeugte. So erlebte man trotz der etwas schwierigen Akustik ein hochkarätiges und würdevolles Eröffnungskonzert, das vom Bayerischen Rundfunk auf BR-KLASSIK live übertragen wurde. Tage Alter Musik Regensburg 2025 53 Kann es funktionieren, ein fünfköpfiges Vokalensemble mit einer vierköpfigen Instrumentalformation, die zusammen Renaissance-Musik interpretieren, akustisch unverstärkt vor rund 300 Besuchern in einer Brauhaus-Gaststätte auftreten zu lassen, in welcher zu Beginn des Konzerts auch noch bedient wird? Es scheint, als wollten auch die Verantwortlichen der diesjährigen und damit 40. Regensburger Tage Alter Musik eine Antwort auf diese Frage haben. So ließen sie als Nachtkonzert um 22.45 Uhr am Pfingstsonntag das niederländische Gesangsensemble „Cappella Pratensis“ zusammen mit dem französischen Instrumentalquartett „Sollazzo Ensemble“ im Rahmen des Festivals im Regensburger „Brauhaus am Schloss“ auftreten. Die verblüffende Antwort auf die Frage ist: Ja, es kann unter bestimmten Bedingungen funktionieren. Eine dieser Bedingungen ist absolute Ruhe. Diese konnte zwar zu Beginn durch den weiterlaufenden GastronomieService noch nicht erfüllt werden, stellte sich aber nach dem Ende der Bedienung ziemlich schnell ein. Die zweite Bedingung ist ein absolut interessiertes und aufmerksames Publikum, und das war von Anfang an der Fall. Vor allem für die Vokalisten ist es aber eine nicht unerhebliche Herausforderung, so nah am Publikum und völlig ohne den aus den Kirchen gewohnten Hall zu singen. Da vernimmt das Publikum die kleinste Intonationsunsicherheit oder Textartikulationsschwäche äußerst unmittelbar. Davon ließen sich die Ausführenden aber nicht beirren und zogen sogar einen Gregorianischen Choral, der in der Renaissance von Jacob Clemens non Papa mehrstimmig bearbeitet wurde, souverän und intonationsrein durch – und zwar, während der Service des Gasthauses noch aktiv war. Schön gelangen auch andere A-cappellaWerke wie beispielsweise das Kyrie, Gloria und Agnus Dei aus Benedictus Appenzellers „Missa Benedicti“. In Kompositionen wie „Le grand désir d’aymer m’y tient“ von Loyset Compère vernahmman auch die gefühlvolle Begleitung auf der Laute von Christoph Sommer sehr deutlich, was natürlich an der Örtlichkeit lag, in welcher die Töne sehr trocken über die Bühne kommen und nicht in einer Hallwolke verwässern wie in einer historischen Kirche. Das gesamte Programm stand im Zeichen eines sogenannten niederländischen „Schwanenfests der Mariengilde von ’s-Hertogenbosch“, in welchem in der Renaissance geistliche mit weltlichen Werken gemischt wurden. Zimperlich geht es dabei nicht zu. Da können dann auch mal solche Eigenartigkeiten auftauchen wie das Stück „Oeverloos“ (auf Deutsch „Grenzenlos“), von welchem nur die Melodie der ersten Stimme anonym überliefert wurde und die anderen Stimmen sowie der Text vom Ensemblemitglied Marc Busnel beziehungsweise vom Dichter Erik Alink ergänzt wurden. In dieser derben Kuriosität, in welcher eine sexuelle Neigung eines Menschen zu einem Schwan mit sehr drastischen Details beschrieben wird, setzten die Ausführenden den Affektgehalt des Textes ebenso drastisch emotional in ihrem Gesang um. Um über diese etwas plumpe Anzüglichkeit kann man sich köstlich streiten. Schwanenfest im Brauhaus Die „Cappella Pratensis“ und das „Sollazzo Ensemble“ in ungewöhnlichem Ambiente bei den Regensburger Tagen Alter Musik Autor: Stefan Rimek // 11. Juni 2025 Die Cappella Pratensis und das Sollazzo Ensemble im Brauhaus am Schloss STIMMEN ZUM FESTIVAL TAGE ALTER MUSIK 2025 Es war ein traumhaftes Musik-Wochenende! Claudia Böckel, Rezensentin MZ
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