Tage Alter Musik – Almanach 2025

46 Zu einem mächtigen Bordunton ziehen die Chöre und Instrumentalisten in die Dominikanerkirche ein. Kraftvoll erhebt sich darüber gregorianischer Lobgesang auf die Gottesmutter. Es ist die Rekonstruktion eines Musiksettings, das sich im 16. Jahrhundert nur wenige leisten konnten. Im reichen Florenz waren solche Aufführungs-Superlative einer 40-stimmigenMesse möglich, dort waren kirchliche und weltliche Macht omnipräsent, ob in Bauwerken, in Kriegen oder eben auch in den Künsten. Die lange Zeit verschollene Messe von Alessandro Striggio ist venezianische Mehrchörigkeit in Vollfettstufe, fünf Chöre stehen im fast geschlossenen Kreis um den Altar, flankiert von etlichen Posaunen, Dulzianen in verschiedenen Stimmlagen und Tasteninstrumenten, darunter das vor sich hinschnarrende Regal. Mittendrin steht hoch aufragend Hervé Niquet mit unnachgiebigem Schlag und einer klaren, unumstößlichen Vorstellung, wie die Musik von Striggio, Orazio Benevoli und Francesco Corteccia eben zu klingen hat. Das verbreitet bisweilen Hektik unter den Sängern von Le Concert Spirituel und lässt die harmonische Effektheischerei dann doch immer wieder mal kräftig wackeln. Aber das große Ganze zählt. Und das ist in der Akustik der Regensburger Dominikanerkirche dann doch sehr beeindruckend. Es geht ausschließlich um Klangrausch, um eine Überhöhung des damals musikalisch Machbaren und einer Glaubensdemonstration, die die Zuhörer damals wie heute in den Bann schlägt und sprachlos macht. Niquet kennt die Partituren, baut geschickt die Spannungsbögen auf, lässt erst im letzten Moment die Musik in einem großen Tutti völlig eskalieren, ehe er von seinen Musikern wieder ein Subito Piano fordert und erneut dynamischen Anlauf nimmt. In der riesigen Akustik wirkt das natürlich oft diffus und indifferent, weil sich die Harmonien ständig überrennen, aber bei solchen Werken ruft man ohnehin vergebens nach fein ziselierter Artikulation. Der Jubel galt auch dem Festival und seinen Machern Nur in der Schlussmotette „Ecce beatam lucem“ erliegt der mächtige Klangapparat nicht einer erneuten Klangdemonstration, sondern lässt „den Zug ins Paradies, hinein ins gesegnete Licht“ mit einem strahlenden Dur ohne Preziosen erstrahlen, als wenn der letzte Weg dann doch keinen Pomp brauchte. Ein edler, ein würdiger und ein lang nachhallender Schlusspunkt unter die Jubiläumssaison der Tage Alter Musik in Regensburg, der frenetisch von den restlos begeisterten Besuchern gefeiert wurde. Der Jubel galt zweifellos nicht nur der großartigen Musik, sondern auch dem Festival und seinen Machern. Für ihren Mut, ihre Beharrlichkeit und große Leidenschaft über 40 Jahre. Es war ein großes Fest! Extravaganzen der Superlative: Le Concert Spirituel führt 40-stimmige Messe auf Zum krönenden Abschluss des Regensburger Festivals wurden in der Dominikanerkirche nochmal alle Register der Vokalmusik gezogen Autor: Andreas Meixner // 11. Juni 2025 Ungewöhnlicher Blick auf Le Concert Spirituel in der Dominikanerkirche Herve Niquet leitete mit unnachgiebigem Schlag das Ensemble Le Concert Spirituel in der Dominikanerkirche an Tage Alter Musik Regensburg 2025

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