Tage Alter Musik – Almanach 2025

Tage Alter Musik Regensburg 2025 44 „Süße, doch ach so bittere Liebe…“ Bei den als offenes Geheimnis streng gehüteten Privatkonzerten dreier Sopranistinnen amHerzogshof von Ferrara muss es in den letzten drei Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts hoch hergegangen sein. In den Madrigalen, zu denen sich die Damen, Grazien gleich, selbst begleiteten, flogen Amors Liebespfeile nur so durch die Gegend. Den schmachtend Getroffenen wurde in ausdrucksgesättigten Notenverschlingungen eine Stimme gegeben, wehrlose Opfer überantwortete man den tönenden Flammen der Leidenschaft. Als Komponist für diese bis 1598 aktive Frauenband namens „Concerto delle Donne“ hat sich besonders Luzzasco Luzzaschi hervorgetan, der 1601 zwölf Madrigale für ein bis drei Sopranstimmen mit ausnotierter Begleitung veröffentlichte und so der Heimlichtuerei imNachhinein ein Ende bereitete. Camille Allérat, Julie Roset und Ana Vieira Leite heißen die drei Sängerinnen, die dieses Repertoire in ihrem Ensemble La Néréide mit Yoann Moulin (Cembalo), Garance Boizot (Viola da gamba) und Ulrik Gaston Larsen (Theorbe) in der Minoritenkirche wieder zum Leben erweckten. Da musste man die Ohren schon ziemlich spitzen, um die feinen Nuancen dieser für die höfische Kammer konzipiertenWerke zu erahnen, zumal die drei Frauen die Texte eher weich fließend artikulierten. Hörbar war in jedem Fall das hohe sängerische Niveau: Dass Camille Allérat ihre etwas vollere Stimme mit mehr Vibrato führt als ihre Kolleginnen, gab dem Zusammenklang eine besondere Note, kleine Intonationsschwankungen waren verschmerzbar. Auf engstem Raum schlugen die Affekte um Trotz der Abwechslung zwischen solistischen Madrigalen, Duetten und Terzetten fehlte es im ersten großen Luzzaschi-Block mit sieben Stücken ein wenig an Variabilität. Eine gute Idee war es deshalb, den weiteren Verlauf mit Ausschnitten aus Francesca Caccinis Oper über die Zauberin Alcina (viele Männer unter den Opfern) und je einem Werk von Claudio Monteverdi und Luca Marenzio weiter aufzulockern. Hier wurde hörbar, wie der Madrigalstil in den folgenden Jahrzehnten endgültig ins Theatrale überging. Am faszinierendsten klangen Luzzaschi-Werke dort, wo die virtuosen Verzierungen auf Schlüsselwörter sich aufs köstlichste verselbständigten und wo auf engstem Raum die Affekte umschlugen: von verzweifelt herausgeschleuderten Aufwallungen zu inniger Zurücknahme – und umgekehrt. Wunderbar auch die mal kurzen, mal längeren Zwischenspiele, von den Instrumentalisten kompetent und einfühlsam eingestreut. So durfte man sich in der halligen Kirche doch ein gutes Stück weit in die Intimität dieser Musik hineingezogen fühlen. In den Madrigalen, die drei Sopranistinnen am Herzogshof von Ferrara aufführten, muss es hoch hergegangen sein. In der Minoritenkirche war die Musik nun vom Ensemble La Néréide zu erleben Camille Allérat vom Ensemble La Néréide Wo Amors Pfeile fliegen: La Néreíde führt Madrigale vom Herzogshof in Ferrara auf 1601 erschienen zwölf Stücke, die bei Privatkonzerten aufgeführt wurden. Jetzt war die Musik beim Regensburger Festival wieder zu entdecken Autor: Juan Martin // 11. Juni 2025

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