Tage Alter Musik – Almanach 2025

tian Bach – vor allem im festen Glauben an den bleibenden Wert insbesondere der „Matthäus-Passion“ – nach der einmaligen Aufführung der „Köthener Trauermusik“ mit den nicht mehr benötigten Noten seine Leipziger Wohnung gewärmt hat, ist wahrscheinlich und nachvollziehbar. Doch die Nacht war in Regensburg noch nicht zu Ende, denn in der bis zum letzten Platz besetzten Dominikanerkirche feierte der Tenebrae Choir den 500. Geburtstag von Giovanni Pierluigi da Palestrina. Mit zwei Motetten – „Musica Die donum optime“ von Orlando di Lasso und „Viri Galilaei“ von Palestrina – eröffneten die 14 Sängerinnen und Sänger ihr Programm. Anschließend sangen sie die sechsstimmige Messe Viri Galilaei des Jubilars. Es folgten Werke von Felice Anerio, Palestrinas Nachfolger an der päpstlichen Kapelle in Rom, und schließlich Palestrinas Stabat Mater zu acht Stimmen. Wie schon 2018 begeisterte der Tenebrae Choir unter der Leitung von Nigel Short das Publikum der Tage Alter Musik mit einer Stimmkultur, die angemessen nur mit dem Adjektiv „perfekt“ zu beschreiben ist. Absolut homogen und transparent erhoben die Sängerinnen und Sänger in dem gewaltigen Kirchenschiff ihre Stimmen. Ein Nachtkonzert, das in bester Erinnerung bleiben wird. Spanische Renaissancemusik erklang am Pfingstsonntag nachmittags in der Schottenkirche. Das junge Ensemble Cantoría stellte sogenannte „Ensaladas“ von Matea Flecha dem Älteren vor, volkstümlich anmutende, zumeist vierstimmige Lieder, die in metaphorischer Weise Bezug auf aktuelle Ereignisse nehmen. In „La Guerra“ wird zum Beispiel Kaiser Karl V. mit Jesus gleichgesetzt und der türkische Sultan Suleiman I., der die Stadt Wien belagerte, mit dem Teufel. Inés Alonso (Sopran), Belén Herrero (Alt), Jorge Losana (Tenor), der das Publikum amüsant durch das Programm führte, und Lluís Arratia (Bass) boten das außergewöhnliche Repertoire unterhaltsam und kurzweilig dar. Jeremy Nastassi begleitete die Sänger aufmerksam auf demArciliuto, statt auf der Vihuela – die kurz vor dem Konzert leider Schaden genommen hatte. „Splendor Austriae“ titelte Ars Antiqua Austria sein Konzert, das am Abend zu erleben war. Gunar Letzbor, Violinist und Leiter des Ensembles, bat zu Beginn um Entschuldigung, dass er aufgrund eines Hexenschusses nicht selbst zur Geige greifen konnte. So musste die geplante Sonata S. Gregori von Benedikt Anton Aufschnaiter entfallen. Stattdessen spielten vier Trompeten mit Pauke eine majestätische Eröffnung, ehe Aufschnaiters zwölfstimmige Missa Laetemurine als erstes Hauptwerk erklang. Nach der Pause ging es musikalisch nach Salzburg, wo einst Heinrich Ignaz Franz Biber wirkte. Auf sein kontemplatives „Laetatus sum“ folgte die monumentale Vesper zu 32 Stimmen aus dem Jahr 1674. Wie in der Messe von Aufschnaiter war auch hier deutlich vernehmbar, dass man seinerzeit den Blick nach Venedig richtete und versuchte, die dort erblühte Mehrchörigkeit noch zu übertrumpfen. Den Sängern stand ein großer Apparat an Instrumentalisten zur Seite: vier Trompeten, drei Posaunen, Pauke, zwei Zinken, Streicher, drei Lauten und drei Orgeln. Das Resultat war auch in der Regensburger Dreieinigkeitskirche geradezu überwältigend. Allerdings gelang der Versuch, Authentizität zu gewährleisten und statt Sopranistinnen und Altistinnen die durchaus anmutig singenden St. Florianer Sängerknaben hinzuzuziehen, nur bedingt. Waren um 1700 die Knaben schon deutlich älter und ausgewachsener, ehe sie in den Stimmbruch kamen, ist es heute arg schwierig, insbesondere in solch großen Besetzungen eine ausgewogene Balance zwischen Männer- und Knabenstimmen herzustellen. Insbesondere die Knabensoli der St. Florianer waren angesichts der massiven Klangwolken sehr zart und kamen neben ihren erwachsenen Kollegen quasi ständig dynamisch und intonatorisch in den Grenzbereich der eigenen Stimmen. Während der Tage Alter Musik vergeht die Zeit gewöhnlich wie im Fluge. Schon war der Pfingstmontag und damit letzte Festivaltag angebrochen, als sich das Publikum im Reichssaal einfand, wo noch einmal Musik von Heinrich Ignaz Franz Biber aufgeführt Tage Alter Musik Regensburg 2025 29 Nachtkonzert in der Dominikanerkirche St. Blasius mit dem Tenebrae Choir Cantoría in der Schottenkirche St. Jakob

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