Tage Alter Musik – Almanach 2025

ber. Und bei diesem Programm wird der eine oder die andere vielleicht schon hellhörig, denn das ist das zentrale Repertoire von Ars Antiqua Austria, und der Mensch dahinter ist jetzt bei uns zu Gast im Studio, der Barockgeiger Gunar Letzbor, herzlich willkommen. gunar letzbor: Schön, da zu sein. Detlef Krenge: Gunar Letzbor, das Konzert gestern Abend war eine Premiere für dich. Du bist tatsächlich zum ersten Mal bei dieser Jubiläumsausgabe eingeladen hier bei den Tagen Alter Musik und Du hast auch ein Stück aus der Taufe gehoben, eine moderne Erstaufführung sagt man dazu, von einem Stück, das bislang noch gar nicht wieder erklungen ist seit seiner Entstehungszeit. Das war eine Messe von Aufschnaiter. Wieviel Enthusiasmus ist denn bei dir dabei? gunar letzbor: Also Enthusiasmus gibt es bei mir, seit ich mich mit Alter Musik beschäftige. Und ich bin so viel in den Archiven und finde so viele Dinge, die ich eigentlich verwirklichen will. Die Musik, die im Archiv liegt, die ist ja tot, das ist ja keine Musik, das ist ja sozusagen nur ein Medium, das uns ermöglicht, dann Musik zu machen. Und jedes Mal, wenn dann eine Möglichkeit besteht, dass wirklich Musik erklingt, dann ist es für mich sozusagen eine neue Musik, für mich sind das Uraufführungen. Und ja, diese Messe von Aufschnaiter, das ist ein ganz besonderes Stück; das ist äußerst kunstvoll, aber es ist auch äußerst inniglich. Und es ist auch so ein personeller Stil, den der Aufschnaiter hier pflegt, dass man eigentlich nur begeistert sein kann. Das war dann auch interessant, gestern sind nachher, nach dem Konzert, die Leute nicht gekommen, um dieses Riesenwerk von Biber zu feiern, sondern einfach dieses Erstaunen über diese neue Komposition zu artikulieren, und das freut mich besonders. Und ich kann nur sagen, es warten hunderte, tausende Werke noch auf Wiederbelebung. Detlef Krenge: Also entweder ganz oder gar nicht. Das Publikum goutiert es, die Leute waren aus demHäuschen gestern, und was auch noch eine kleine Besonderheit war, du hast einen Knabenchor dabeigehabt, das waren die Sankt Florianer Sängerknaben, das heißt, sie kommen aus dem Stift Sankt Florian in der Nähe von Linz. Das ist ein berühmter Ort, dem Klassik-Publikum natürlich auch durch Anton Bruckner bekannt, der dort Orgel gespielt hat, aber zu dieser Zeit ja auch schon selbst in einer langen Tradition gestanden hat. Und du selbst bist diesem Ort auch sehr stark verbunden. Du machst da ganz viele von deinen Aufnahmen, was für eine Bedeutung hat denn dieser Ort Sankt Florian für dich? gunar letzbor: Sankt Florian ist natürlich der Ausdruck des österreichischen Barocks. Wenn man das Stift betritt, diese Prachtentfaltung, das erschlägt einen fast, aber im positiven Sinne. Nach einem halben Tag fühlst du dich dort eigentlich fast wie in der Barockzeit. Und was auch bedeutend ist, dass dort alles so in einer Harmonie ist, die ganze Architektur ist in einer Harmonie, das haben sie in der damaligen Zeit wirklich gut gemacht. Dass sie in der Barockzeit auch wirklich eben diese Proportionen in der Architektur verwirklichen konnten. Und das bringt einen dann auch innerlich in eine Harmonie. Das sind einfach wichtige Dinge, die auch fürs Musizieren, glaube ich, entscheidend sind. Detlef Krenge: Das heißt, es geht um das Eintauchen komplett in diesen Kosmos, in die Zeit, die sich in Sankt Florian architektonisch verwirklicht. Damit ganz eng in Zusammenhang steht etwas, das konnte man auch gestern beim Konzert gut sehen. Da waren insgesamt drei Orgeln positioniert, und an einer Stelle, da hat die Orgel gefehlt. Und an dieser Stelle waren dann gleich drei große Lauteninstrumente nebeneinander und haben ein Continuo gebildet. Und das ist auch mit Österreich sehr eng verbunden, das heißt nämlich das Salzburger LautenContinuo – und das hast du mit deinem Ensemble entdeckt. gunar letzbor:Ja, das hat Hubert Hoffmann vor einigen Jahren entdeckt, als er im Stift Kremsmünster recherchiert hat, wo sich eine große Lauten-Sammlung befindet und auch Noten-Material für Laute, Solo-Laute zum Teil. Und da hat man gesehen, dass eben die Verbindungen nach Salzburg sehr groß sind, und hat dann weitergeforscht im Salzburger Domarchiv und so weiter, und ist dann drauf gekommen, dass dort eben so eine richtige Consort-Bildung mit LautenInstrumenten stattgefunden hat. Schon am Anfang des 17. Jahrhunderts, das hat bis Biber gereicht, also bis zum Ende seiner Laufbahn dort in Salzburg. Und das Besondere ist, dass da auch wieder die Relationen sind. Es sind drei verschieden große Lauten, also von einer ganz kleinen Laute, die oben ist, zu einer riesigen Laute in der Mitte, die sozusagen diese Mittellagen und die Akkorde macht, und unten der Colascione, der dann das Bassfundament gibt. Und da sind wir am Experimentieren, weil diese Instrumente zum Teil im Museum erhalten sind, man aber nicht genau weiß, welche von diesen Instrumenten dann wirklich dieses Lautenconsort gebildet haben. Man weiß aber, dass es drei waren, und in dieser Relation. Und so ein paar Jahre machen wir das jetzt schon und es wird immer stimmiger. Wichtig ist einfach die Proportion, auch von den Größen, dass das dann vom Klang her zusammenpasst. Es ist ähnlich wie bei den Geigen-Instrumenten, die Bratsche steht immer in einer Proportion zur Geige, zum Cello oder zumViolone. Und da sind wir jetzt genau dort, umwas es geht, um die Proportionen, auch in der Musik, beim Biber. Also, drei Chöre, es kommt oft diese Zahl. Warum? Dreieinigkeit. Das ist sind natürlich lauter Symbole, die sich da verwirklichen, und die Proportionen zum Beispiel im Salzburger Dom, die waren damals so, dass das eigentlich funktioniert hat mit der Mehrchörigkeit. Heute funktioniert das nicht mehr, denn die Emporen wurden abgerissen. Und wenn man heute dorthin geht und mit den neuen Emporen musiziert, funktioniert das überhaupt nicht mehr. Also, man kann das nicht einfach nachmachen. Man muss auch die Idee nachvollziehen. Detlef Krenge: Ein sehr spannendes Thema, das auch verdeutlicht, dass Musik eben – natürlich eine Binsenweisheit – sehr viel mit Klang zu tun hat. Also nicht nur mit dem, was man aufschreibt, sondern was hinterher tatsächlich erklingt. Darüber könnten wir stundenlang weiterreden, leider müssen wir jetzt damit aufhören. Wir haben aber noch ein Beispiel. VomKonzert gestern haben wir leider keinen Mitschnitt zur Verfügung, deswegen hören wir jetzt dieses Salzburger Lauten-Continuo auf einer CD von Dir an, bei einer Biber-Sonate, einer wunderschönen Passacaglia. Und ich möchTage Alter Musik Regensburg 2025 14 Gunar Letzbor mit einführenden Worten beim Konzert in der Dreieinigkeitskirche

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