Tage Alter Musik Regensburg 2024 36 „Wenn Sie applaudieren wollen“, schwor Sopranistin Hannah Ely das Publikum im Reichssaal mit sanfter List auf ihr Konzept ein, „sind Sie herzlich willkommen. Unser Programm ist in vier Abschnitte eingeteilt, dort gibt es Raum und wir freuen uns, wenn Sie auch dann applaudieren.“ Mit dieser Begrüßung in bestemDeutsch hatte die Sängerin des jungen englischen Vokalensembles Fieri Consort den voll besetzten Saal umgehend in der Tasche, wie Beifall und Lacher deutlich machten. Da hatte sich das Ensemble bereits mit dem Madrigal „Zephirus brings the time that sweetly scenteth“ des Renaissancekomponisten Girolamo Conversi vorgestellt. Kraftvoll und mit zugleich fröhlichem Überschwang begrüßten die Sänger mit diesem neapolitanisch angehauchten Lied sechsstimmig den Windgott, der imMittelmeerraum als Frühlingsbote verehrt wurde. Das jahreszeitlich stimmige Vokalstück gehört zu „Musica Transalpina“, einer Sammlung vorwiegend italienischer Lieder. Daraus trug das Ensemble einen Querschnitt vor, ergänzt durch Kompositionen von William Byrd und dem Flamen Philippe de Monte. Auch das vierstimmige „O Notte“ der italienischen Komponistin Maddalena Casulana stand auf dem Programm, eine intensive Huldigung ans Leben wie an den Tod. 1588 in London erschienen, waren viele dieser Stücke von einem unbekannten Übersetzer ins Englische übertragen worden, damit die Landsleute sie verstanden. Das mit zwei Sängern in jeder Lage besetzte Ensemble trug die Lieder in wechselnder Zusammensetzung von vier bis acht Stimmen vor. Höhepunkte des in jeder Hinsicht großartigen Konzertes waren die beiden lateinischen Klagen „Super flumina Babylonis“ von de Monte und Byrds erhabenes „Quomodo cantabimus“. Byrd wies damit jede andere Religion und Herrschaft als das Christentum in die Schranken. Da hinein legte das Oktett eine Hingabe und hymnische Ausdruckskraft, die zugleich an ein nicht enden wollendes Gotteslob wie an ein Strafgericht gemahnten. Es war vor allem die bis in feinste Gefühlslagen eindringende und diese auslotende leidenschaftliche und dynamische Gestaltung, die einen gefangen nahm und bis zur heftig erklatschten Zugabe nicht mehr losließ. Gleich mehrere Nachtigallen schienen in Alfonso Ferraboscos traurig-schönem fünfstimmigen „The nightingale so pleasant and so gay“ lebhaft um eine bedrückte Seele zu schwirren, um sie in ihrem Kummer aufzuheitern. Von einer dunklen Spannung und sanften Glut war das vierstimmig von zwei Tenören, Bass und Altstimme hingebungsvoll auf italienisch gesungene „O dolce nocte“ von Philippe Verdelot erfüllt. Schmerz und Verlangen bildeten ein aufwallendes und widerstreitendes Hin-und-her der Gefühle in Ferraboscos „I saw my Lady weeping“, von dem neben Verdelot die meisten Lieder im Programm ausgewählt waren. Der Bass – David Maguire, Ben Rowarth – bildete dabei den Mittelpunkt der jeweiligen Besetzung, was den Ensembleklang in alle Richtungen räumlich stark abrundete. Wenn wie in Verdelots „Ultimi miei sospiri“ beide Bässe, zusammen mit den zwei großartigen Altstimmen – Sarah Anne Champion, Sophie Overin – und der Sopranistin Hannah Ely zum Einsatz kamen, vibrierte die Luft. Dabei wurde das Madrigal für sechs Stimmen von einer innerenWürde erfüllt, die das innewohnende Leid ohne Auflehnung hinnahm. Eine Haltung, die in unserer Zeit sicher viele befremdet. Heute führt gerade die scheinbare Beherrschbarkeit von Krankheit, Schmerz und Leid dazu, dass das Sterben nicht einfach hingenommen wird. Vielleicht trägt Gesang, so wild, kantig und mitreißend, sanft und voller Mitgefühl wie von Fieri Consort dazu bei, sich ein wenig stärker aufs Leben und den Tod zu besinnen. Aisling Kenny, Sopran, und die beiden Tenöre Joshua Cooter und Thomas Kelly haben, neben den genannten Ensemblemitgliedern, mit ihrem fulminanten Gesang das ihre, dazu getan. Starke Gefühle um Tod und Leben Das Vokalensemble Fieri Consort begeistert Autor: Michael Scheiner // 21. Mai 2024 Das britische Fieri Consort beeindruckte mit mitreißendem Gesang
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